Extreme Einsätze: Wie wird man damit fertig
Bei der Feuerwehr liegen belastende Einsätze leider in der Natur der Sache. Zwar sind sie Einzelfälle, aber prägend für die Einsatzkräfte. Haben Interessenten für unsere Feuerwehr die Führung des Wehrleiters durch die Wehr hinter sich, kommen früher oder später etwas bange Fragen.
Du bist seit 1986 in der Feuerwehr und hast alle Stationen von der Kinderfeuerwehr, der Jugendfeuerwehr bis zur aktiven Einsatzkraft durchlaufen. Seit 2011 bist du Wehrleiter und warst so gut wie auf jedem Lehrgang, den man in der Ausbildung für die Freiwillige Feuerwehr abschließen kann. Darunter auch die zeitintensive Qualifizierung zum Gruppenführer, Zugführer und Verbandsführer. Gerade diese Funktionen bringen im Einsatz eine immense Verantwortung mit sich.
Warum tust du dir das an?
„Das ist eine Standardfrage an Feuerwehrleute, wenn sie zu Hause oder bei Freunden von den Einsätzen erzählen. Klar, wer geht schon in seiner Freizeit unter Atemschutz mit 25-30 kg Ausrüstung am Körper in ein brennendes Haus und das bei Umgebungstemperaturen bis zu 160°C?
Spätestens wenn dort noch Menschen drin sind, beantwortet sich die Frage jedoch von selbst. Retten und Bergen als Motiv steht nicht umsonst im Slogan der Feuerwehr. Menschen in Notsituationen zu helfen, steckt doch in jedem von uns. Bei der Feuerwehr sind nur die Situationen komplexer und gefährlicher als jemandem zu helfen, dem ohne Schlüssel die Haustür zugefallen ist.“
Wie hast du gelernt, im Großeinsatz mit 100 Einsatzkräften und einer kritischen Lage ruhig zu bleiben?
„Ehrlich gesagt, hat das eine Weile gedauert. Es war nicht einfach. Wenn ich an meine ersten Einsätze als Gruppenführer denke, war ich damals schon ziemlich angespannt. Die Lage einschätzen, die richtigen Entscheidungen treffen und das auch klar an die Einsatzkräfte zu kommunizieren, diese Verantwortung nimmt man anfangs natürlich als Stresssituation wahr.
Klar spielt da auch Angst mit rein, Fehler zu machen. Es hängt einfach sehr viel davon ab. Vor allem, wenn es um die Rettung von Menschen geht. Routine ist sicherlich das falsche Wort. Aber die notwendige Ruhe und Sicherheit wächst erst mit der Zahl der Einsätze. Eine gewisse Anspannung legt sich allerdings nie, weil man diese braucht, um fokussiert zu entscheiden. Eine sehr gute Ausbildung ist ohnehin Voraussetzung.“
Was waren für dich extrem belastende Einsätze?
„Wenn wir Menschen nicht mehr retten konnten. Schwere Verkehrsunfälle mit ausgebrannten Fahrzeugen, verletzten Kindern oder mit vor Schmerzen schreienden Menschen. Dagegen ist keiner gefeit. Das macht was mit einem, denn nach dem Einsatz kommen die Erinnerungen. Damit richtig umzugehen, ist nicht ohne.“
Wie wirst du psychisch mit Einsätzen fertig, bei denen Personen nicht mehr lebend geborgen werden konnten?
„Schwierig. Das betrifft ja nicht nur mich, sondern alle Einsatzkräfte, die vor Ort dabei waren. Es hilft schon immens, nach dem Einsatz nicht gleich wie sonst üblich nach Hause zu fahren. Wir setzen uns zusammen und reden drüber. Klingt einfach, ist es aber nicht. Das Verarbeiten solcher Einsätze bleibt immer individuell. Jeder von uns geht anders damit um. Im schlimmsten Fall kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. Dann ist psychotherapeutische Hilfe wichtig.
Wurde früher relativ wenig und eher ungern über das Thema gesprochen, geht es jetzt um eine Sensibilisierung für kontinuierliche Maßnahmen. Die psychische Gesundheit der Einsatzkräfte soll erhalten und eine gewisse Resilienz bei der Belastungsverarbeitung entwickelt werden.
Seit einiger Zeit steht uns dafür der Verein „Hilfe für Helfer in Not“ aus Magdeburg zur Seite. Meine Partnerin, die ja zu unserer Wehr gehört, hat dort auch vor kurzem eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen.“
Warst du jemals im Einsatz in Lebensgefahr?
„Kommt drauf an, wie man Lebensgefahr definiert. Einsätze sind immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Dafür sind wir jedoch ausgebildet und durch die vielen Übungsdienste trainiert.“
Gab es Momente, in denen du sprichwörtlich „hinschmeißen“ wolltest?
„Na klar. Zum Glück kommt das aber wirklich selten vor. Im Laufe der Jahre lernt man immer besser mit solchen Situationen umzugehen.“